Alle reden von der Selbsthilfe. Aber was ist das überhaupt?
Unter dem Begriff „Selbsthilfe“ werden höchst unterschiedliche Gruppen, Organisationen und institutionelle Akteure zusammengefasst. Sobald daraus eine Kategorie für Förderung, Beteiligung und Repräsentation wird, müssen wir tiefer gehen.
„Die Selbsthilfe“ gibt es nicht.
Jedenfalls nicht als einheitliche Organisationsform, einheitlichen Akteur oder klar abgrenzbare Institution.
Unter diesem Begriff finden sich höchst unterschiedliche Strukturen: kleine Gruppen, in denen sich Betroffene austauschen, ehrenamtlich geführte Vereine, bundesweit tätige krankheitsspezifische Organisationen, professionelle Patientenorganisationen, Landesdachverbände, Kontakt- und Unterstützungsstellen sowie Organisationen, die gegenüber Politik und Gesundheitssystem Interessen vertreten.
Ihre Unterschiede gehen weit über die Größe hinaus. Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben, verfügen über unterschiedliche Ressourcen und finanzieren sich unterschiedlich. Manche bestehen ausschließlich aus ehrenamtlicher Arbeit. Andere beschäftigen Personal. Manche finanzieren sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden, andere erhalten öffentliche Förderungen oder Geld von Wirtschaftsunternehmen. Manche organisieren vor allem gegenseitige Unterstützung, andere betreiben Interessenvertretung oder wirken in gesundheitspolitischen Gremien mit.
Trotzdem wird immer wieder von „der Selbsthilfe“ gesprochen.
Das wird spätestens dann relevant, wenn Selbsthilfe nicht mehr nur beschreibt, was Menschen miteinander tun, sondern zu einer Kategorie des Gesundheitssystems wird. Denn wer Selbsthilfe fördern will, braucht Förderwerber. Wer Selbsthilfe beteiligen will, braucht Ansprechpartner. Wer Patienteninteressen einbinden will, braucht Organisationen, denen eine Vertretungsfunktion zugeschrieben wird.
Aus einer gesellschaftlichen Praxis wird damit eine administrative und gesundheitspolitische Kategorie.
Und plötzlich müssen Grenzen gezogen werden. Wer gehört dazu? Wer ist förderwürdig? Welche Organisation darf teilnehmen? Wer wird als Ansprechpartner anerkannt? Wer vertritt wen?
Das österreichische Selbsthilfesystem gibt auf diese Fragen längst praktische Antworten: durch Förderkriterien, institutionelle Strukturen, Dachverbände und Beteiligungsmodelle.
Damit entsteht allerdings ein bemerkenswertes Problem. Eine Kategorie, die höchst unterschiedliche Organisationen zusammenfasst, wird anschließend behandelt, als beschreibe sie einen einigermaßen homogenen gesellschaftlichen Akteur.
Das Modell beginnt also bereits mit einer falschen Abstraktion.
Denn eine kleine lokale Selbsthilfegruppe und eine bundesweit tätige Patientenorganisation sind nicht einfach zwei unterschiedlich große Varianten derselben Sache. Ihre Aufgaben, Ressourcen, wirtschaftlichen Bedingungen, institutionellen Zugänge und Möglichkeiten politischer Einflussnahme können fundamental verschieden sein.
Selbsthilfeaktive müssen sich zwei Fragen stellen: „Was ist „die Selbsthilfe“ eigentlich. Die zweite Frage ist, wer diese Kategorie definiert, wer innerhalb dieser Kategorie Ressourcen und institutionellen Zugang erhält und wer schließlich legitimiert wird, für andere zu sprechen.