Das Selbsthilfe-Märchen

Der kleine Raum

Sie war nicht reich. Sie war nicht groß. Sie hatte keinen Empfang, keine Pressestelle und niemanden, der für sie die Bücher führte.

Sie wohnte in einem kleinen Raum über einer Bäckerei. Der Boden knarrte, wenn jemand Raum betrat. Im Winter zog es an den Fenstern. Auf dem Tisch stand eine Kanne Kaffee, die meistens zu lange auf der Platte stand, und eine Schachtel Kekse, die nie ganz leer wurde.

Mittwochabends kamen die Menschen. Sie kamen nach Untersuchungen, nach Gesprächen, nach Absagen. Einige waren selbst krank. Andere sorgten sich um ihr Kind, ihren Mann, ihre Schwester oder die Frau, die sie seit vierzig Jahren liebten.

In diesem kleinen Raum musste niemand erklären, warum er müde war.

Eine Frau sagte: „Sie haben mir einen Zettel gegeben. Ich verstehe kein Wort darauf.“ Ein Mann nahm ihn, las langsam und sagte: „Da steht nicht, dass du verloren bist. Da steht nur, dass sie noch nicht wissen, wie sie dir helfen können.“

Eine junge Mutter sagte: „Ich habe Angst vor morgen.“ Da rückte die Frau neben ihr den Stuhl näher. „Dann bleibe ich noch einen Augenblick.“

So half die Selbsthilfe. Nicht mit großen Worten und nicht mit Gold. Sondern mit einem Stuhl, der herangerückt wurde, einem Brief, der gemeinsam gelesen wurde, und der Gewissheit, am nächsten Mittwoch wiederkommen zu können.

Mit den Jahren kamen mehr Menschen. Der kleine Raum wurde zu klein. Die Selbsthilfe gründete einen Verein, wählte einen Vorstand und schrieb eine Satzung, weil Bank und Vermieter danach fragten.

Sie wusste nun, welche Wege durch das weiße Haus der Medizin für erschöpfte Menschen zu lang waren. Sie wusste, welche Fragen dort nicht gestellt wurden. Sie wusste, was Menschen sagen, wenn sie im Krankenhaus freundlich nicken und zu Hause weinen.

Die Einladung

Die Räte des Reiches hörten davon. Sie luden die Selbsthilfe in helle Häuser ein. Vor den Häusern standen Fahnen. Drinnen gab es Namensschilder, gläserne Wasserflaschen und runde Tische.

„Ihr seid wichtig“, sagten die Räte. „Ihr seid die Stimme der Menschen. Wir wollen euch beteiligen.“

Die Selbsthilfe setzte sich an die runden Tische. Man stellte ein Mikrofon vor sie. Man machte Fotos. Hinter ihr hing ein Banner:

Gemeinsam für die Menschen.

Die Menschen im kleinen Raum waren stolz. Und sie hatten allen Grund dazu. Ihre Erfahrung wurde endlich nicht mehr nur als Klage behandelt.

Es war eine schöne Geschichte.

Und sie war wahr.

Das ist aber nur die Hälfte der Wahrheit.

Als die Selbsthilfe zum zweiten Mal in das helle Haus kam, lag auf jedem Platz bereits eine Mappe. Darin standen die Fragen. Neben jeder Frage lag ein Vorschlag. Neben jedem Vorschlag war vermerkt, was am Ende beschlossen werden sollte.

Die Selbsthilfe fragte: „Und wenn wir etwas anderes beschließen wollen?“

Der Rat lächelte. „Dann halten wir eure Sicht selbstverständlich fest.“

Am Ende des Tages stand im Protokoll, die Selbsthilfe sei beteiligt worden.

Die Entscheidung war dieselbe wie am Morgen.

Beim dritten Treffen gab man der Selbsthilfe einen kleinen weißen Sprechstein. Alle Räte hatten schwarze Steine. Als abgestimmt wurde, warfen sie ihre schwarzen Steine in eine silberne Schale.

Die Selbsthilfe fragte: „Wohin kommt unserer?“

„Ihr habt kein Stimmrecht“, sagte der Rat. „Aber eure Beratung ist uns außerordentlich wichtig.“

Der weiße Stein war schön glatt.

Er zählte nur nicht.

Der kleine Beutel

Kurz darauf kamen die Händler der Heilmittel in den kleinen Raum über der Bäckerei. Sie kamen höflich, mit glänzenden Mappen unter dem Arm.

„Eure Arbeit ist unverzichtbar“, sagten sie. „Ihr erreicht Menschen, die wir allein nie erreichen würden. Wir möchten euch unterstützen.“

Dann legten sie einen Beutel auf den Tisch.

Darin lagen 100.000 Goldstücke.

Für die Selbsthilfe bedeutete das ein Jahr ohne Angst vor der Miete. Es bedeutete Wärme im Winter, Papier für die Briefe und vielleicht eine halbe Stelle für jemanden, der die vielen Anrufe beantworten konnte.

„Es ist Sponsoring“, sagten die Händler.

Am selben Abend saßen diese Händler in ihrem Haus aus Glas und Stein. Dort gab es Rechenmeister, Vertragskundige und Menschen, deren einzige Arbeit darin bestand, vorauszusehen, was in fünf Jahren Gewinn bringen würde.

Ein Rechenmeister öffnete ein schwarzes Buch.

Einsatz: 100.000 Goldstücke.

Erwarteter Ertrag: 61.000.000 Goldstücke.

Ein junger Schreiber sah die Zahlen an. „Das kann nicht dieselbe Geschichte sein.“

„Im kleinen Raum nennen sie es Sponsoring“, sagte der Rechenmeister. „Hier nennen wir es Einsatz.“

„Was kaufen wir denn für hunderttausend?“

Der Rechenmeister antwortete: „Nicht den Verein. Das wäre zu teuer. Wir kaufen die Tür.“

„Welche Tür?“

„Die Tür zu den Menschen, die uns sonst nicht hereinlassen. Die Tür zu einer Gemeinschaft, die ihrem Verein glaubt, weil dieser Verein sie durch die schlimmsten Nächte begleitet hat.“

Der junge Schreiber sah wieder auf die Zahl.

„Einundsechzig Millionen?“

„Wenn wir es klug machen“, sagte der Rechenmeister.

Das Ehrenamtsrad

Mit dem Sponsoring kamen die Blätter.

Zuerst waren es drei Seiten. Dann zwölf. Dann ein Ordner.

Die Selbsthilfe sollte aufschreiben, wie viele Menschen kamen. Sie sollte Ziele festlegen, Kennzahlen erfinden, Abläufe beschreiben, Risiken prüfen, Erklärungen unterschreiben und jedes Goldstück nachweisen.

„Ihr seid inzwischen eine wichtige Organisation“, sagte ein Händler.

Die Selbsthilfe fragte: „Bekommen wir jemanden, der diese Arbeit macht?“

„Ihr habt doch einen Vorstand.“

„Der Vorstand ist ehrenamtlich.“

Der Händler lächelte. „Das ist doch das Schöne an euch. Ihr tut es aus Überzeugung.“

Von da an saß die Kassiererin nachts über Tabellen. Der Vorsitzende lernte Verträge lesen, obwohl er am Morgen wieder arbeiten musste. Die junge Mutter schrieb Protokolle, während ihr Kind schlief.

Eines Tages sagte ein Rat des Königs: „Wir erwarten von euch dieselbe Ordnung, dieselbe Sorgfalt und dieselbe Verantwortlichkeit wie von einem großen Handelshaus.“

Der Vorsitzende fragte: „Und erhalten wir dafür auch dieselben Mittel wie ein großes Handelshaus?“

Der Rat lächelte milde. „Ihr dürft eure Arbeit nicht nur in Geld messen. Sie kommt aus dem Herzen.“

Da begriff die Kassiererin, warum man im Reich so oft sagte, Selbsthilfe sei unbezahlbar.

Manche sagten es, weil sie sie achteten.

Andere sagten es, weil sie nicht bezahlen wollten.

Das Bundeshaus

Eines Tages hörte die Selbsthilfe von einem Haus in der Hauptstadt, das die Krone zum Bundeshaus der Selbsthilfe erklärt hatte.

„Dort spricht man für alle Kreise im Land“, sagte ein Bote.

Die Selbsthilfe fuhr hin. Im großen Saal standen 36 Stühle.

„Sind das die vielen Kreise des ganzen Landes?“, fragte sie.

„Das sind unsere Mitglieder“, sagte eine Frau am Empfang.

An der Wand hingen die Regeln, nach denen ein Kreis Mitglied werden durfte. Die Selbsthilfe las sie genau. Dann zählte sie nach, welcher Stuhl nach diesen eigenen Regeln überhaupt besetzt sein dürfte.

Nicht einmal die Hälfte der Stühle blieb übrig.

Am selben Nachmittag wurde die Leiterin des Bundeshauses zur Versammlung der Krone gefahren. Sie saß neben Ministern, sprach vor Kameras und wurde als Stimme der Selbsthilfe im ganzen Land begrüßt.

Am Ende des Jahres schickte die Krone dem Bundeshaus einen Sack mit 150.000 Goldstücken.

Für die kleinen Kreise zählten die Verwalter jede Münze. Sie verlangten Quittungen, Formulare, Nachweise und Berichte. Wenn ein Zettel fehlte, drohten sie, die Jahresgabe zurückzufordern.

Dem Bundeshaus verlangte niemand ab, den Sack einzeln zu erklären.

Die Selbsthilfe fragte den Boten: „Warum bekommt dieses Haus die Stimme, bevor es gezeigt hat, wen es vertritt? Und warum muss es für sein Gold nicht dieselben Regeln erfüllen wie die kleinen Kreise?“

Der Bote antwortete: „Weil die Krone ein Haus braucht, das sie einladen kann.“

Da verstand die Selbsthilfe: Die Krone hatte dem Haus die Stimme gegeben, bevor das Haus bewiesen hatte, wen es vertritt.

Die dunklen Fenster und die fünf Schlüssel

In der Hauptstadt stand ein weiteres Gebäude. Es hatte 115 Fenster.

„Das ist das Haus der Offenheit“, sagte ein Bote. „Hier kann jeder sehen, wer wen unterstützt.“

In 39 Fenstern brannte Licht. Dort sah man Namen, Summen und Siegel.

76 Fenster waren dunkel.

„Warum sind die verschlossen?“, fragte die Selbsthilfe.

„Nicht jeder möchte gesehen werden“, sagte der Bote.

„Aber dies ist doch das Haus der Offenheit.“

„Es ist offen genug.“

Hinter den dunklen Fenstern hörte die Selbsthilfe Münzen fallen.

Neben dem Haus der Offenheit stand ein weiteres Haus. Dort arbeiteten Menschen in festen Stellen. Es war im Auftrag des Gesundheitsreiches gegründet worden und stand unter der Aufsicht der großen Kasse.

„Wir helfen der Selbsthilfe“, sagte eine Verwalterin am Eingang.

An ihrem Gürtel hing ein Bund mit fünf Schlüsseln.

Der erste Schlüssel öffnete die Räume, in denen die Kreise verwaltet wurden. Der zweite öffnete die Truhe, aus der Geld verteilt wurde. Der dritte öffnete das Zimmer, in dem die Regeln geschrieben wurden. Der vierte öffnete die Kammer, in der geprüft wurde, ob die Kreise diese Regeln befolgten. Der fünfte schloss die Türen derer, die es nach Ansicht der Verwalter nicht ordentlich genug taten.

Die Selbsthilfe sah den Schlüsselbund an.

„Ihr verwaltet uns. Ihr entscheidet mit über unser Geld. Ihr schreibt uns Regeln. Ihr kontrolliert, ob wir sie erfüllen. Und ihr könnt uns sanktionieren.“

Die Verwalterin nickte. „Wir helfen euch, transparent und professionell zu sein.“

„Und wer achtet darauf, dass ihr transparent seid?“, fragte die Selbsthilfe.

Die Verwalterin drehte den Schlüsselbund in ihrer Hand.

Sie sagte nichts.

Da begriff die Selbsthilfe: Wer den Beutel gibt, das Regelbuch schreibt, die Prüfung abnimmt und die Tür verschließt, ist nicht bloß Helfer. Er regiert den Raum.

Die Stimme der Millionen

Am Ende der großen Treppe in der Hauptstadt stand ein Haus mit der Aufschrift:

Die Stimme der Millionen.

Dort saßen Vertreterinnen und Vertreter vieler kranker Menschen. Der König hörte auf sie, wenn über neue Heilmittel, Regeln und Geld gesprochen wurde.

„Wenn dieses Haus spricht, höre ich die Menschen des Reiches“, sagte der König.

Die Selbsthilfe wollte wissen, wie das Haus seine Arbeit bezahlte. Eine junge Angestellte führte sie zu zwei offenen Kassenbüchern.

Im ersten Buch waren hundert Münzen aufgezeichnet. 88 davon trugen das Zeichen der Händler der Heilmittel.

Im zweiten Buch waren wieder hundert Münzen aufgezeichnet. 97 davon trugen dasselbe Zeichen.

„Wer bezahlt die Menschen, die hier für Millionen sprechen?“, fragte die Selbsthilfe.

„Die Händler“, sagte die Angestellte. „Sie zahlen die meisten Stellen, die Räume, die Reisen und die Arbeit.“

Da öffnete sich eine Tür. Drinnen saß der Vorstand. Auf dem Tisch lag eine Rede für den König.

Eine Frau sagte: „Morgen sprechen wir über die neuen Regeln für die Heilmittel.“

Ein Mann zeigte auf das Kassenbuch. „Zuerst müssen wir den Sponsoringvertrag verlängern. Ohne ihn können wir die Arbeit hier nicht bezahlen.“

Die Selbsthilfe fragte: „Und wenn eure Rede den Händlern nicht gefällt?“

Der Mann sah sie an, als wäre es eine unhöfliche Frage.

„Dann müssen wir sehr sorgfältig formulieren“, sagte er.

Da verstand die Selbsthilfe.

Das Haus konnte für Millionen sprechen.

Aber achtundachtzig, manchmal siebenundneunzig von hundert Münzen entschieden darüber, wie laut es sich erlauben konnte zu sprechen.

Das Tal der Schlaftränke

Die Selbsthilfe ging weiter, bis sie ein Tal erreichte, das sie nicht kannte.

Über dem Tal lag ein süßer Geruch. In vielen Häusern brannte den ganzen Tag Licht, doch an den Fenstern bewegte sich niemand. Die Menschen dort nannten ihre Tränke Schlaftränke. Anfangs sollten sie Schmerzen lindern.

Doch im Tal wachten immer mehr Menschen nicht mehr auf.

Vor dem Rathaus standen Familien. Sie trugen Bilder ihrer Kinder, ihrer Brüder und ihrer Mütter.

„Setzt Grenzen“, baten sie den König. „Es sterben zu viele.“

Da kamen Vertreter aus dem Haus der Stimme der Millionen. Sie sprachen dagegen, die Schlaftränke zu streng zu begrenzen. Man müsse auf die Menschen hören, die Hilfe brauchten. Man dürfe ihnen den Zugang nicht erschweren.

Eine Mutter sah sie an und fragte: „Aber ihr sprecht doch für uns.“

Hinter den Vertretern standen die Händler der Heilmittel.

Sie klatschten nicht.

Sie rechneten.

Die Frage auf dem Tisch

In dieser Nacht kehrte die Selbsthilfe in den kleinen Raum über der Bäckerei zurück.

Der Kaffee war noch immer zu stark. Der Boden knarrte. Auf dem Tisch lag ein Brief, in dem eine Frau schrieb, sie wisse nicht, wie sie morgen aufstehen solle.

Die Selbsthilfe setzte sich hin und beantwortete den Brief.

Dann sah sie auf die Ordner mit den Regeln. Auf das Foto vom runden Tisch. Auf den weißen Sprechstein, der nie in die silberne Schale fallen durfte.

Sie dachte an das schwarze Buch mit den 100.000 und den 61 Millionen. An die 36 Stühle im Bundeshaus. An die 76 dunklen Fenster. An die fünf Schlüssel. An die Kassenbücher hinter der Stimme der Millionen. An das Tal der Schlaftränke.

Am nächsten Mittwoch kamen die Menschen wieder.

Die junge Mutter fragte: „Was ist denn los? Du bist so still.“

Die Selbsthilfe stellte den weißen Sprechstein auf den Tisch. Daneben legte sie eine goldene Münze. Dazwischen ein Blatt Papier.

Darauf hatte sie geschrieben:

Im kleinen Raum heißt es Sponsoring.

Im Handelshaus heißt es Einsatz.

Wer entscheidet? Wer vertritt wen? Wer verdient an wem?

Draußen läuteten die Glocken des Schlosses.

Der König sprach gerade auf dem Marktplatz.

„Seht“, rief er, „wie frei, unabhängig und stark die Selbsthilfe meines Reiches ist.“

Im kleinen Raum über der Bäckerei sah niemand zum Fenster.

Sie sahen auf das Blatt.

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