Die falsche Abstraktion der Selbsthilfe
Kategorien vereinfachen Wirklichkeit. Problematisch werden sie, wenn dabei genau jene Unterschiede verschwinden, die für Entscheidungen über Förderung, Unabhängigkeit, Zugang und Repräsentation entscheidend sind.
Wenn aus Vielfalt „die Selbsthilfe“ wird und die Folgen falscher Abstraktion
Abstraktion ist zunächst etwas völlig Normales. Komplexe Wirklichkeit lässt sich nur beschreiben, indem Unterschiede ausgeblendet und Dinge nach gemeinsamen Merkmalen zusammengefasst werden. Ohne solche Kategorien könnten weder Wissenschaft noch Verwaltung oder Politik funktionieren.
Problematisch wird eine Abstraktion dort, wo beim Zusammenfassen genau jene Unterschiede verschwinden, die für verschiedene Frage entscheidend sind. Dann vereinfacht eine Kategorie die Wirklichkeit nicht mehr nur. Sie beginnt, sie zu verzerren.
Genau das passiert beim Begriff „die Selbsthilfe“.
Eine kleine lokale Gruppe, ein ehrenamtlich geführter Verein, eine bundesweit tätige krankheitsspezifische Organisation, eine professionelle Patientenorganisation, ein Landesdachverband und eine institutionell etablierte Interessenvertretung können alle der Selbsthilfe zugerechnet werden. Daraus folgt aber nicht, dass sie strukturell vergleichbar sind.
Ihre Aufgaben unterscheiden sich ebenso wie ihre Ressourcen. Sie haben unterschiedliche Finanzierungsmöglichkeiten, unterschiedliche Beziehungen zu Wirtschaftsunternehmen, unterschiedliche Zugänge zu Politik und Gesundheitssystem und völlig unterschiedliche Möglichkeiten, öffentlich oder politisch Einfluss zu nehmen.
Solange „Selbsthilfe“ lediglich ein Sammelbegriff für unterschiedliche Formen der Selbstorganisation von Betroffenen ist, muss das kein großes Problem darstellen. Relevant wird die Abstraktion dort, wo an diese Kategorie konkrete Entscheidungen geknüpft werden.
Denn „die Selbsthilfe“ wird gefördert. „Die Selbsthilfe“ soll beteiligt werden. „Die Selbsthilfe“ soll Patienteninteressen einbringen. Für „die Selbsthilfe“ werden Qualitätskriterien und Regeln zur Unabhängigkeit entwickelt. Organisationen werden als Ansprechpartner anerkannt und in institutionelle Prozesse eingebunden. Sie sehen schon, worauf ich hinaus möchte.
Spätestens jetzt sind die Unterschiede nicht mehr nebensächlich.
Wer eine ausschließlich ehrenamtlich arbeitende Organisation und eine professionell organisierte Patientenvertretung unter derselben Kategorie betrachtet, kann viele Aspekte u nd Voraussetzungen nicht einfach gleichsetzen. Wer Organisationen mit völlig unterschiedlichen Zugängen zu Unternehmensfinanzierung miteinander vergleicht, kann Unabhängigkeit nicht allein anhand derselben Prozentgrenze beurteilen. Und wer von der Beteiligung „der Selbsthilfe“ spricht, muss erklären können, welche Organisationen tatsächlich beteiligt werden und wen sie vertreten.
Die falsche Abstraktion hat deshalb praktische Folgen. Sie beeinflusst, wie Förderung konstruiert wird, wie Unabhängigkeit gemessen wird, wie Beteiligung organisiert wird und wie Repräsentation entsteht.
Wenn wir uns auf irgendein gemeinsames Merkmal trotz all dieser unterschiedlichen Strukturen einigen müssten, wäre es die Tatsache, dass vermutlich die meisten aus der Selbstorganisation von Betroffenen entstanden sind.
Was sich daraus jedoch keineswegs daraus seriös ableiten lässt, ist, das dieses gemeinsame Merkmal ausreicht, um „die Selbsthilfe“ als eine Kategorie zu behandeln, wo über Ressourcen, Zugang, Unabhängigkeit und politische Repräsentation entschieden wird.